Therapie-Heldstab_blog_Kinder und Corona

Kindeswohl hat Vorrang?!

Diesen Beitrag teilen:
Share on facebook
Share on whatsapp
Share on email

Wenn ich könnte, würde ich Corona runterballern!

siebenjähriger Patient

Nicht nur als Therapeutin von Babys und Kindern, sondern auch als Mutter eines zweijährigen Jungen beschäftigt mich das Thema Kinder und Corona seit Beginn der Krise. Wie geht es unseren Kindern in diesen Ausnahmezeiten? Sind sie trotz allem gesund und glücklich? Viele Eltern sind verunsichert und haben gleichzeitig kaum die Energie oder die Zeit, sich tiefgründig mit gewissen Themen auseinanderzusetzen. Mit diesem Blog-Beitrag und mit den angegebenen Quellen und Links weiterführender Literatur möchte ich wichtige Themen rundum Kinder und Corona aufnehmen und weitergeben.

Die Fakten bezüglich Gefährlichkeit und Ansteckung von Covid-19 bei Kindern sind bekannt. Obwohl mehrmals von den Medien falsch und dramatisch dargestellt, bedeutet das Coronavirus für gesunde Kinder kaum eine grössere Gefahr als eine saisonale Grippe und Kinder unter 12 Jahren spielen vermutlich keine wesentliche Rolle bei der Übertragung des Virus. Doch was ist mit dem Einfluss der Massnahmen auf die körperliche Gesundheit der Kinder? Hat die gewählte «Therapie» gegen das Virus Nebenwirkungen?

Nebenwirkungen der Massnahmen hier und dort – Tabuthema?

Glücklicherweise sind unsere Kinder bezüglich gesunder Lebensweise und Zugang zu Medikamenten oder Spitalbehandlungen trotz weltweiter Krise nicht betroffen. In den Entwicklungsländern sieht dies traurigerweise ganz anders aus. Seit Monaten schlagen diverse Hilfsorganisationen Alarm bezüglich der weltweiten Hungersituation. Bereits im Juni 2020 wies der Standford-Epidemiologe John Ioannidis auf den starken Anstieg von Unterernährung und Hungersnot hin und warnte daher eindringlich vor weiteren Lockdown-Massnahmen. Viele Experten sind sich diesbezüglich einig: die weltweiten Auswirkungen der hier getroffenen Massnahmen zum Schutz unserer Bevölkerung verschärft die ohnehin bereits bedenkliche Situation bezüglich Kinder und Gesundheit in den Entwicklungsländern. Leider hat dies neben anderen Schlagzeilen nur wenig Platz in unseren Medien!

Ferien fürs kindliche Immunsystem?

Ich höre seit mehreren Wochen von Kinderärzten oder Kita-Mitarbeiterinnen, dass dieses Winterhalbjahr Kinder deutlich seltener krank sind als andere Jahre. Wer durch Massnahmen wie Abstand halten und Maske tragen weniger mit Viren und Bakterien in Kontakt kommt, erkrankt wohl auch weniger. Sollten aber nicht gerade Kinder durch die Konfrontation mit fremden Erregern ihr Immunsystem trainieren dürfen? Mögliche Auswirkungen dieser «sterilen» Monate auf die mittel- und längerfristige Gesundheit unserer Kleinsten werden wir wohl erst in ein paar Jahren sehen können.

Maskenpflicht für Kinder unbedenklich?

Die schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie sowie der Berufsverband Kinder-& Jugendärzte in der Praxis nahmen bereits im November 2020 Stellung dazu: «Wir unterstützen die generelle Maskentragpflicht für 6-12-Jährige gegenwärtig nicht, weil die Fallzahlen in diesem Altersbereich deutlich tiefer sind und das zuverlässige Tragen über mehrere Stunden schwieriger ist.» Weiter wird geschrieben, dass in erster Linie aber die Schulen offen zu halten sind und lokale Anweisungen befolgt werden sollen. Bezüglich Gesundheit wird folgendes gesagt: »Atemphysiologisch ist das Tragen einer empfohlenen chirurgischen oder Stoffmaske unbedenklich und im internationalen Konsens ab dem Alter von 2 Jahren sicher.» Dabei wird auf eine Stellungnahme der schweizerischen Gesellschaft für Pneumologie in der Pädiatrie verwiesen, welche aber nicht tiefer auf das Thema eingeht oder kinderspezifische Studien zur Untermauerung dieser Aussage herbeizieht. Entscheidungsträger aus der Politik beziehen sich auf diese Aussage, um die Maskenpflicht für Kinder unter 12 Jahren für unbedenklich darzustellen. So einfach ist es beim genaueren Hinschauen aber nicht.

Unter anderem der bekannte deutsche Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor Dr. med. Herbert Renz-Polster nimmt sich diesem wichtigen Thema in einem gut untermauerten Blogbeitrag ausführlicher an. Sein Fazit: bezüglich Kindergesundheit und Maske existiert weltweit gerade einmal eine brauchbare Studie und diese berücksichtigt eine Maskentragedauer von 5-8Minuten. Es gibt schlicht und einfach keine Studie die aussagen kann, wann, wie und warum Maskentragen über längere Zeit für Kinder bedenklich oder eben nicht bedenklich sein soll. Ein anderer deutscher Kinderarzt, Dr. med. Eugen Janzen, betrieb kurzerhand eigene Forschung und untersuchte den Urin seiner Kinderpatienten. Dabei fand er nicht zu unterschätzende höhere Konzentrationen der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin an «Maskentagen» im Vergleich zu maskenfreien Tagen. Diese Untersuchung aus der Praxis gilt aber vermutlich als zu wenig wissenschaftlich, um in die Entscheidungsfrage miteinbezogen zu werden. Gleiches gilt bei Erfahrungsberichten von betroffenen Jugendlichen, welche bereits seit längerer Zeit eine Maskenpflicht im Schulzimmer ausharren. Symptome wie Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Einschlafstörungen sowie Hautreizungen um Mund und Nase werden leider oft als «Einzelfälle» abgetan oder auf die psychosomatische Schiene verfrachtet, obwohl beim Recherchieren klar ersichtlich ist, dass das Tragen einer Maske für einige Kinder sehr wohl negative Auswirkungen hat.

So haben Kinder zum Beispiel eine deutlich höhere Stoffwechselaktivität als Erwachsene. Kleine Kinder brauchen deshalb pro Kilogramm Körpergewicht etwa doppelt so viel Sauerstoff als Erwachsene. Kleine Kinder atmen auch etwa zwei bis dreimal schneller als Erwachsene. (…) Und immerhin könnte eine erhöhte Rückatmung von verbrauchter Luft dazu führen, dass ein Kind dauerhaft angestrengter atmen muss, was wiederum zu mehr Erschöpfung führen kann. Auch Beschwerden wie Kopfweh, Bauchweh oder Schwindel wären möglich, weil durch die erhöhte Rückatmung der Kohlendioxidspiegel im Blut ansteigen kann. Bei einer dauerhaften Belastung wären auch weitere Beschwerden durchaus denkbar, von mehr Tagesmüdigkeit, Verhaltensproblemen bis zu Schlafstörungen. Die Behauptung, dass das Tragen von Masken generell unbedenklich sei, kann mit Blick auf die wissenschaftliche Evidenz nicht aufrechterhalten werden. (…) Masken im Dauergebrauch über viele Stunden des Tages ist aufgrund der unsicheren Studienlage abzulehnen, insbesondere wo es sich um jüngere Kinder handelt.

Herbert Renz-Polster, Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor

Der schwerwiegendste Eingriff in die seelische Integrität der Schulkinder ist zweifelsohne die Maskenpflicht, die jetzt teilweise auch im Unterricht gilt. (…) Untersuchungen zu körperlichen und seelischen Nebenwirkungen der Masken zeigen zudem, dass diese keineswegs immer harmlos sind. (…) Gerade Kinder sind für eine zwischenmenschliche Kommunikation zwingend auf nonverbale Signale wie die Mimik des Gegenübers angewiesen. Die Behinderung des zwischenmenschlichen Austauschs durch Verdecken des Gesichts erschwert die Verständigung, verringert die Gesprächsbereitschaft und stört die emotionalen Beziehungen. Ein normales Schulleben ist unter diesen Bedingungen nicht vorstellbar, und für viele Schüler wird der Schulalltag zur Qual.

Martin Hirte, Kinderarzt und Autor

Meiner Meinung nach sind definitiv zu viele Fragen offen, um allgemeine Aussagen bezüglich von Nutzen oder Schaden bei Alltagsmasken für Kindern zu machen. Aber eines ist sicher: Eltern kennen ihre Kinder am besten. Zeigt ein Kind psychische oder körperliche Symptome, die auf das Maskentragen zurückzuführen sind, sollte unbedingt darauf eingegangen werden. Eltern und Kinder sollten Entscheidungen in erster Linie zur Sicherstellung des Kindeswohls treffen und dabei hoffentlich bei Lehrpersonen, Schulleitenden und Gesundheitsfachpersonen auf offene Ohren stossen!

Und die psychische Gesundheit?

Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir glücklicherweise, dass Kinder unglaublich anpassungsfähig sind. Gerade bei Babys und Kindern im Vorschulalter dreht mehr oder weniger alles normal weiter solange das Zuhause, der sichere Hafen, eine Stabilität aufweist. Laut Prof. Dr. Claudia Roebers, Entwicklungspsychologin an der Uni Bern, sind Kinder auch in einer Krise wie «Seismographen». Wenn die Eltern trotz einer Mehrbelastung reflektiert und ruhig mit der Situation umgehen können, dann wird das bei den Kindern nicht anders sein. Wenn die Eltern aber über längere Zeit Angst haben, sich unsicher und gestresst fühlen, dann wird dies auch bei den Kindern eine Verunsicherung auslösen.

Solange Eltern ihre Kinder feinfühlig beobachten und auf deren Bedürfnisse eingehen, können Kinder auch eine längere schwierige Phase problemlos überstehen. Wenn aber die Eltern selber unter Stress sind, werden sie nicht mehr feinfühlig und responsiv reagieren können und damit keine guten Beobachter ihrer eigenen Kinder mehr sein.

Prof. Dr. Claudia Roebers, Leiterin der Abteilung Entwicklungspsychologie an der Universität Bern

Die Verantwortung, unsere Kinder gut durch diese Zeit zu manövrieren, liegt in erster Linie bei uns Eltern. Einerseits, indem wir gut zu uns schauen und so auch besser auf unsere Kinder eingehen können (Darüber habe ich bereits im April einen Blog-Beitrag verfasst). Andererseits aber auch, indem wir die kindlichen Bedürfnisse nie aus den Augen verlieren und diese ganz bewusst und mitfühlend mit unseren Kindern pflegen. Denn gerade was die normalen kindlichen Bedürfnisse betrifft, wird von Kindern und Jugendlichen seit Monaten so Einiges abverlangt: Verbote gegen gemeinsames Spielen, abgesperrte Pärke und Spielplätze, abgesagte Schullager und Vereinsaktivitäten und Verbote von Unterrichtseinheiten wie gemeinsames Singen. Seit Monaten werden Ferien und Ausflüge abgesagt oder verschoben und Geburtstagsfeiern, wenn überhaupt, im kleinsten Rahmen gehalten. Und die kinderunfreundlichste aller Massnahmen: Abstand, Abstand, Abstand.

Kindliche Bedürfnisse kann man nicht einfach so unterdrücken. So ein tiefes inneres, lebendiges Bedürfnis, das muss man richtig förmlich in sich bekämpfen. Das muss man so lange unterdrücken bis im Hirn Vernetzungen entstanden sind, hemmende Verschaltungen, die sich über diese Bereiche und Netzwerke im Hirn legen, wo diese lebendigen Bedürfnisse generiert werden, wo diese entstehen. Und erst wenn das gelungen ist, dann kann das Kind Massnahmen einhalten und sich genauso Verhalten und Funktionieren wie wir das von ihm erwarten. Aber dann hat es eben auch dieses Bedürfnis nicht mehr.

Gerald Hüther, Hirnforscher und Autor

Nicht alle Eltern sind in der Lage, diese herausfordernde Aufgabe zu meistern. Unter Experten aus der Entwicklungspsychologie und Bildung ist man sich einig, dass die Massnahmen zur Eindämmung des Virus einmal mehr die ohnehin bereits Benachteiligten am härtesten treffen. Finanzielle Probleme, Zukunftsängste, familiäre Stresssituationen und Arbeitslosigkeit als Folgen der Massnahmen können bei Erwachsenen massiven Stress auslösen. Bestehende Probleme, die belastend sind, werden durch die Krise noch belastender. Und wie oben beschrieben: leiden die Eltern, leidet die Familie und so indirekt das Wohl des Kindes. Solche Stresssituationen bei Eltern stellen zudem ein hohes Risiko für Kindsmisshandlungen dar. Im Universitäts-Kinderspital Zürich wurden letztes Jahr so viele Kindsmissbrauche gemeldet wie noch nie zuvor. Der Leiter der Kinderschutzgruppe des Kinderspitals, Dr. med. Georg Staubli geht davon aus, dass es sich bei den aufgedeckten Fällen nur um die Spitze des Eisberges handelt. Der grösste Teil der Kindsmisshandlungen bleibe verborgen. Auch Kinder- und Jugendpsychiatrien berichten über Kapazitätsengpässe bei der Neuaufnahme von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen. Noch nie gab es so viele kinder- und jugendpsychiatrische Notfälle wie seit Beginn der Coronakrise.

Generell haben Angststörungen eindeutig zugenommen. Wir registrieren sehr viel mehr verängstigte oder überängstliche Patientinnen und Patienten als in den Jahren zuvor. Wir haben Kinder, die Zwänge entwickelt haben, wie zum Beispiel Waschzwang oder die Angst, Mami, Papi oder die Grosseltern anzustecken.

Dr. Brigitte Contin-Waldvogel, Chefärztin und Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrie Baselland

In einer vom Bundesamt für Gesundheit in Auftrag gestellten Forschungsübersicht zum Thema psychische Gesundheit während der Corona-Krise werden Risikogruppen beleuchtet, welche anfälliger sind für kurz- mittel und langfristige psychische Auswirkungen. Zu diesen Risikogruppen gehören auch Kinder und Jugendliche. Dies hat vor allem, so die Studien, mit der aus entwicklungspsychologischer Sicht besonders sensiblen und prägenden Lebensphase zu tun: «Veränderungen in den sozialen Interaktionen und Kontaktbeschränkungen dürften sich stärker und nachhaltiger auf das Beziehungs- und Bindungsverhalten junger Menschen auswirken als auf Erwachsene, deren Verhaltensmuster schon gefestigt sind. Schwierigkeiten können sich durch Stress, Isolation und Unsicherheit über die eigene Zukunft verstärken.» Die Massnahmen, insbesondere die Beschränkung der sozialen Kontakte, scheinen die jüngeren Generationen also deutlich stärker zu treffen.

Mitgefühl und Mut!

Zweifelsfrei sehe ich tagtäglich viele gesunde und glückliche Kinder in meiner Praxis und im privaten Umkreis. Doch ich weiss auch, in welcher privilegierten Situation wir hier und heute leben. Die negativen Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit einiger Kinder während der Krise ist leider genauso Realität, wie die von den Medien dauerhaft dargestellten Fallzahlen oder Todesfälle in Zusammenhang mit Corona.

Ich höre immer wieder Erwachsene Menschen sagen: «Ach, das kann doch nicht so schwer sein. Wir alle müssen jetzt verzichten.» Aber dürfen wir Kinder wirklich mit Erwachsenen vergleichen? Ist ein Jahr im Leben eines siebenjährigen Kindes nicht etwas völlig anderes als ein Jahr im Leben eines sechzigjährigen Erwachsenen? Und was hätten wir wohl gesagt, wenn uns ein Jahr Jugend, ein Jahr Party, Ferien und ausgelassenes «Jungsein» genommen wurde?

Wann immer Entscheidungen getroffen werden, die sich auf Kinder auswirken können, hat das Wohl des Kindes Vorrang. Dies gilt in der Familie genauso wie für staatliches Handeln.

Eines von vier Grundprinzipien der UN-Kinderrechtskonvention

Ich wünsche mir gerade in Bezug auf Kinder und Jugendliche in diesen Tagen mehr Mitgefühl und Verständnis. Ich wünsche mir von den Entscheidungsträgern eine ganzheitliche und längerfristige Sicht auf das Wohl der Kinder hier bei uns aber auch in den Entwicklungsländern. Und ich wünsche mir starke und mutige Eltern und aufgeklärte und engagierte Bildungsverantwortliche, welche positive Entscheidungen treffen für die körperliche und seelische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen. Egal welche Aussagen von Experten aus Medizin oder Bildung fallen, wenn wir Eltern, aber auch andere Bezugspersonen sehen und spüren, dass es einem Kind oder einem Jugendlichen körperlich oder seelisch nicht gut geht, dann müssen wir sie auffangen und für sie einstehen, egal welche Massnahmen gelten. Nebst den vielen offenen Fragen aus Wissenschaft und Medizin gibt es das tiefe, intuitive Wissen, auf das wir gerade in Bezug auf unsere Kinder, unbedingt hören sollten!

Unsere Kinder und Jugendliche gestalten die Gesellschaft von Morgen – das sollten wir jetzt nicht vergessen.

Härzlich
Ariana

Quellen und weiterführende Literatur

Körperliche Gesundheit / Kinder und Masken:

Psychische Gesundheit :

Allgemeines und Hilfestellungen: