Wenn Geburt verletzt – und warum wir darüber sprechen müssen

Die Dokumentation von NZZ Format über Gewalt in der Geburtshilfe hat mich tief berührt. Sie hat Trauer in mir ausgelöst – und auch Wut. Trauer darüber, dass Frauen in einem der sensibelsten Momente ihres Lebens verletzt werden. Wut darüber, dass dies auch heute noch geschieht.

Gleichzeitig empfinde ich grosse Dankbarkeit, dass ein so wichtiges Thema im Schweizer Fernsehen differenziert, ehrlich und mitfühlend aufgegriffen wird. Besonders berührend fand ich den Mut der Frauen, ihre Erfahrungen öffentlich zu teilen – und die respektvolle Art, wie ihre Wahrnehmungen ernst genommen und wertfrei anerkannt wurden.

Auch die World Health Organisation benennt dieses Thema klar: Respektlose oder missbräuchliche Behandlung während der Geburt stellt eine Verletzung grundlegender Menschenrechte dar. In ihren Veröffentlichungen beschreibt sie verschiedene Formen von Gewalt in der Geburtshilfe.

Dazu gehören unter anderem:
  • körperliche Übergriffe
  • verbale Grenzüberschreitungen oder entwürdigende Kommunikation
  • medizinische Eingriffe ohne Aufklärung und Einwilligung
  • Missachtung von Bedürfnissen und Grenzen
  • Diskriminierung oder ungleiche Behandlung
  • sowie strukturelle Bedingungen, die zu Ohnmacht und Kontrollverlust führen können
Diese klare Benennung ist wichtig. Denn viele Erfahrungen bleiben lange unausgesprochen – oft begleitet von Gefühlen wie Schuld oder Scham. Umso bedeutungsvoller ist es, wenn Frauen gehört werden und ihre Erlebnisse als das anerkannt werden, was sie sind.
Sätze wie „Hauptsache, das Kind ist gesund“ können in diesem Kontext besonders verletzend sein – weil sie das Erleben der Mutter relativieren. Die Dokumentation benennt dies klar und würdigt gleichzeitig die Perspektive der Frauen. Das hat mich tief bewegt.
Ein Teil meiner eigenen Geschichte ist geprägt von einer schwierigen Geburtserfahrung. Die damit verbundenen körperlichen und seelischen Spuren haben mich über längere Zeit begleitet. Die Verarbeitung dieses Erlebnisses war ein Weg, der Zeit, Unterstützung und ein achtsames Hinschauen brauchte. Was mir dabei geholfen hat, war die Möglichkeit, das Erlebte ernst zu nehmen und in einem geschützten Rahmen zu verarbeiten. Mit einfühlsamer, fachkundiger Begleitung konnte ich Schritt für Schritt wieder Vertrauen in meinen Körper und in mich selbst entwickeln. Einige Jahre später durfte ich eine zweite Geburt erleben – selbstbestimmt, getragen von Vertrauen und begleitet von Menschen, die meine Bedürfnisse respektierten. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie tief Heilung gehen kann.

Mein Anliegen in der Begleitung von schwangeren Frauen

In meiner Arbeit mit schwangeren Frauen ist es mir ein tiefes Herzensanliegen, sie in ihrer Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeit zu stärken. Sie darin zu begleiten, ihre Bedürfnisse und Wünsche für die Geburt bewusst wahrzunehmen – und diese klar und offen zu kommunizieren. Ebenso gehört dazu, die eigenen Grenzen zu spüren und sie zu achten.
Eine wichtige Ressource dabei ist die Verbindung mit sich selbst. Über die Atmung, über das bewusste Innehalten, kann es gelingen, immer wieder bei sich anzukommen – auch in intensiven Momenten. Dieser Aspekt wird auch in der Dokumentation von NZZ Format sehr schön aufgegriffen und berührt einen wesentlichen Kern: Geburt geschieht nicht nur körperlich, sondern im tiefer Verbindung mit sich selbst.
Ebenso wichtig ist es, den Partner bewusst mit einzubeziehen. Er kann während der Geburt eine tragende, schützende Rolle einnehmen – indem er präsent ist, die Bedürfnisse seiner Partnerin mitträgt und sich klar für sie einsetzt.
Zur Vorbereitung gehört für mich auch eine ehrliche Aufklärung: Nicht um Angst zu machen, sondern um zu stärken. Werdende Eltern dürfen wissen, dass in institutionellen Rahmenbedingungen nicht immer ausschliesslich die Bedürfnisse der Gebärenden im Vordergrund stehen. Dieses Wissen kann helfen, sich innerlich auszurichten, gut vorbereitet in die Geburt zu gehen und die eigene Stimme zu bewahren.
In der Begleitung nach einer schwierigen Geburt ist es mir besonders wichtig, einen geschützten Raum zu öffnen. Raum für das, was erlebt wurde – ohne Bewertung, ohne Schuld oder Scham. Traumatherapeutische Ansätze können dabei unterstützen, das Erlebte zu verarbeiten und schrittweise zu integrieren. Ich arbeite eng mit Hebammen zusammen und vernetze bei Bedarf mit spezialisierten Fachstellen, um eine ganzheitliche Begleitung zu ermöglichen.

Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft offener über diese Themen sprechen. Dass Frauen sich gegenseitig zuhören, sich stärken und begleiten. Und dass Heilung dort geschehen darf, wo Verletzungen entstanden sind.

Härzlich,
Ariana

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